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Kindersprache: das eigene Wörterbuch deines Kindes anlegen

5 Min. Lesezeit

Ein Wörterbuch der Kindersprache ist eine einfache Sammlung: pro Eintrag das erfundene Wort, was es bedeutet, und wann dein Kind es gesagt hat. Mehr braucht es nicht. Mit einer Audio-Aufnahme hast du Jahre später auch noch den Klang dazu. Über das Format muss man also nicht lange nachdenken. Schwer ist nur, früh genug anzufangen.

Er nennt den Staubsauger seit Monaten „Brummbär“.

Niemand weiß, warum. Er hat es einmal gesagt, und die Familie hat es übernommen. Jetzt sagen es alle. Wenn Oma anruft, fragt sie, ob der Brummbär heute schon da war. Bei Besuch muss man es erklären. Es ist unser Wort geworden.

Irgendwann wird er Staubsauger sagen, und dann ist Brummbär weg.

Warum Kinder eigene Wörter erfinden

Kleine Kinder kommen in eine Welt mit Wörtern, aber ohne Wörterbuch. Sie wissen, dass Dinge Namen haben, nur noch nicht, welche. Also lösen sie das Problem auf eine Weise, die so naheliegend ist, dass man sie leicht übersieht.

Sie nehmen, was sie haben. Der Staubsauger brummt, also ist er ein Brummbär. Das Schaukelpferd schaukelt und wird zur Schaukelkuh. Das Nachtlicht wirft einen Schatten in Hundeform, und der heißt dann Nachthund.

Fehler sind das nicht. Das Kind wendet Regeln an, die es noch nicht benennen kann, und für die Schaukelkuh gibt es gute Gründe.

Drei Muster, nach denen Kinderwörter entstehen

Wer sie kennt, hört sie plötzlich überall.

Lautverkürzung. Das Kind kann die Wortform noch nicht und nimmt die Silben, die es schafft: „Huwawa“ für Hubschrauber, „Nana“ für Banane, „Mimi“ für Milch. Diese Wörter verraten, welche Laute dein Kind gerade schon hinbekommt, und sie verschwinden am schnellsten von allen.

Beschreibung statt Benennung. Das Kind kennt den richtigen Namen nicht und erfindet einen, der die Sache beschreibt: „Brummbär“ für den Staubsauger, „Mondlampe“ für die Straßenlaterne, „Naschel“ für den Nabel. Die sind oft am treffendsten und fast immer die witzigsten.

Regel zu konsequent angewandt. Das Kind hat ein Muster verstanden und wendet es auch dort an, wo die Sprache unregelmäßig ist. Daraus entstehen Formen wie „gegeht“. Das ist der interessanteste Fall: Ein Kind, das „gegeht“ sagt, hat mehr verstanden als eines, das „gegangen“ nur nachspricht.

Ein vierter Typ hat gar keine Erklärung: „Schmetterlingo“ statt Schmetterling, „Babalei“ für Marmelade. Niemand hat es beigebracht, es kommt aus keinem Buch. Die kommen am seltensten vor, und sie sind es, die Eltern später am meisten vermissen.

Warum sie verschwinden, ohne dass du es merkst

Irgendwann versteht das Kind, dass Dinge feste Namen haben. Es hört überall Staubsauger, korrigiert sich selbst und will zur Sprache der anderen dazugehören.

Brummbär und Schaukelkuh verschwinden dann ohne Abschied. Sie werden einfach nicht mehr gesagt. Der Tag, an dem ein Wort das letzte Mal fällt, sieht aus wie jeder andere, und du wirst später nicht sagen können, welcher es war.

Vergessen tun das übrigens zuerst die Eltern, nicht die Kinder. Man denkt: Das vergesse ich nie. Jahre später fragt jemand, wie das Wort für den Staubsauger war, und man weiß nur noch, dass es eines gab.

Das Gedächtnis hält Gefühle und Bilder fest, keine Listen. Der genaue Klang eines Kinderworts und die Situation, in der es zum ersten Mal fiel, gehören zu dem, was zuerst verschwindet.

Mach die Probe: Wie viele erfundene Wörter deines Kindes könntest du jetzt, aus dem Kopf, aufzählen?

Ein Wörterbuch der Kindersprache anlegen: vier Schritte

1. Nimm das Wort auf, bevor du es aufschreibst

Aufgeschrieben hast du nur, was dein Kind gesagt hat. Wie es geklungen hat, steht in der Aufnahme, und genau das lässt sich später nicht nachstellen. Zehn Sekunden reichen.

2. Schreib dazu, was es bedeutet

„Babalei“ allein sagt dir in fünf Jahren nichts mehr. „Babalei = Marmelade“ schon. Besser noch, du notierst auch, woher es kam.

3. Halte die Situation fest, nicht nur das Datum

„Wauwau“ ohne Kontext ist eine Notiz. „Wauwau“, gesagt mit ausgestrecktem Arm auf den Hund der Nachbarin, die Stimme fragend, ist eine Geschichte.

Schreib auf, wo ihr wart, worauf dein Kind gezeigt hat und wie es geklungen hat: wie eine Frage, wie eine Behauptung, wie ein Ausruf.

4. Sammle unvollständig

Solche Sammlungen scheitern meist am Anspruch, vollständig zu sein. Niemand schafft das. Zwanzig Einträge, die wirklich drinstehen, sind mehr wert als ein perfektes Wörterbuch, das nie angefangen wurde.

Was hineingehört

Erfundene Wörter sind nur der Anfang. Hinein gehört alles, was dein Kind sprachlich hervorbringt und was es so kein zweites Mal geben wird:

  • erfundene Wörter und ihre Bedeutung
  • erste echte Wörter und der Kontext, in dem sie fielen
  • Fragen, die dich zum Nachdenken gebracht haben
  • Sätze, bei denen du heimlich lachen musstest
  • Momente, in denen dein Kind mit Sprache gespielt hat, als wäre es selbstverständlich

Am Ende ist das kein Wörterbuch, sondern ein Portrait: eine Art, die Welt zu sehen, die es genau einmal gegeben hat.

Die Sprache, die nur eure Familie spricht

Viele Familien mit kleinen Kindern haben eine Geheimsprache. Sie entsteht ohne Absicht, aus den Wörtern, die das Kind erfindet und die die Familie stillschweigend übernimmt, für Monate und manchmal für Jahre.

Manchmal überlebt so ein Wort das Kind, das es erfunden hat. Die Großmutter, die noch immer nach dem Brummbär fragt, obwohl der Enkel längst Staubsauger sagt. Nicht weil jemand ein System hatte, sondern weil jemand gelacht und es beibehalten hat.

Wenn du diese Wörter aufschreibst, bekommt dein Kind eines Tages mehr als eine Liste. Es bekommt einen Satz wie diesen: So hast du die Welt gesehen, als sie noch neu war, so direkt und so unbesorgt um die Regeln.

Wann du anfangen solltest

Jetzt. Irgendwo in deinem Alltag gibt es gerade ein Wort, das nur dein Kind so sagt. Wahrscheinlich fällt es dir nicht mehr auf, weil du es so gewohnt bist.

Ist dein Kind noch sehr jung, fang sofort an, denn die Phase der frühen Wörter ist kurz und wiederholt sich nicht. Ist es schon älter, ist es trotzdem nicht zu spät: Manche dieser Wörter halten länger, als man denkt.

Irgendwann sagt dein Kind Staubsauger, und bis dahin ist nicht beliebig viel Zeit.

Wenn du noch unsicher bist, ob du lieber digital sammelst oder handschriftlich: Der Vergleich zwischen App und Papierbuch nimmt beide Wege ernst.